
Was wir tun |
| Als über
mich der Ernst des Lebens in Gestalt der 'Einschulung' mit 6½
hereinbrach, erkundigte ich mich besorgt bei meinen Eltern, wie lange
ich denn 'dort' hingehen musste. Was sie geantwortet haben, weiß ich
nicht mehr, aber nachdem beide Lehrer waren, mussten gerade sie ja ganz
genau Bescheid wissen. Wahrscheinlich schenkten sie mir reinen Wein
ein: So lange du jetzt schon auf der Welt bist, und noch ein bisschen
länger. Begeistert war ich jedenfalls nicht von dieser Aussicht. |
| Zu sehr genoss ich das Herumstrolchen im Garten und in der damals noch weniger als heute verbauten Umgebung. Als
Kind bekam ich noch einen Eindruck von einem vielgestaltigen
Familienleben. Als ich zehn war, zogen die frischpensionierten
Großeltern zu uns. Bald gesellten sich zwei weitere Geschwisterchen
dazu, und Schulfreunde in der Nachbarschaft gab es zuhauf. Der streng
getaktete vormittägliche Unterricht war eher ein Störfaktor, wo mir
mein Vater doch sowieso alles so gut erklärte. |
| Später blickte ich mit Amusement
zurück auf diese Episode, denn eines hatte ich nicht bedacht: dass ja
nicht einfach nur die Zeit verging, sondern dass ich jedes Jahr auch
größer und schwerer wurde. Bald tollte es sich nicht mehr so
unbeschwert herum, und den Kumpels von damals ging es nicht viel
anders. Natürlich hatte man sich auch mit mir den Spaß erlaubt, mich
als kleines Kind zu fragen, was ich denn werden wollte, und ich war
auch nie um eine zuversichtliche (wenn auch unrealistische) Antwort
verlegen. Echtes Interesse steckte nicht hinter diesen Erkundigungen (eher die Aussicht auf eine drollige Antwort). |
| War nun meine anfängliche
Hoffnung auf ein baldiges Ende der Schulzeit nur die unreife Haltung
eines 6½-Jährigen? Oder entspricht das von mir bis dahin genossene
weitgehend selbstbestimmte Zeitmanagement nicht eher dem natürlichen
Verhalten? In diese Umbruchszeit fiel auch mein Aufhorchen, als in
einer Radiosendung für Kinder das Thema 'Freiheit' angesprochen wurde.
Wunderbar, dachte ich im Stillen; es gibt also Kinder, die auch so fühlen
wie ich. Gerne wollte ich mehr erfahren, wusste aber nicht, wie ich es
anstellen sollte (Hörerbrief an das Radio?). Dem Kindertagebuch, das
meine Mutter führte, ist zu entnehmen, dass ich mich mit dem Aufstehen
sehr schwer tat. Meinen persönlichen Neigungen entsprach das allen
Kindern in gleicher Weise aufgezwungene Zeitkorsett in keinster
Weise. |
| Leider
ging es auch nach der
Ableistung meiner Schulpflicht nicht viel besser weiter. Zwar redete
ich (oder eher man) mir ein, mit der Zeit würde ich nur noch tun
müssen, was mir wirklich gefiel. Nach Kräften strengte ich mich an,
dieses gelobte Land zu erreichen (14 Semester Chemie), doch um den
Preis einer merkbaren Missgestaltung meines 'psychischen Apparats'.
Ich wurde zum Eigenbrötler und Einzelgänger. Immerhin hielt ich durch
und erreichte mit meinem 30. Jahr so etwas wie Eigenständigkeit, wenn
auch um den Preis einer gescheiterten Ehe (3 Kinder). Danach konnte ich
tatsächlich weitgehend selbstbestimmt tun und lassen, was ich wollte,
ohne ständig nach der Uhr zu schielen. |
| Wie sieht sie nun also aus, unsere 'Arbeitswelt'? Wie erklärt man einem oder einer Außerirdischen, was das überhaupt ist: Arbeit? Dem Begriff geht das Odium des Unbeliebten voraus, einer Tätigkeit, zu der man verpflichtet ist, komme was da wolle. Fast könnte man den Eindruck haben, der Lohn für diese Unterwindung würde als eine Art Schmerzensgeld betrachtet, als Entschädigung für die auferlegte und pflichtbewusst geleistete Fron. Auf mich passte diese Zuschreibung nicht. Bei Maturatreffen gab ich regelmäßig zu Protokoll, ich würde das, was ich beruflich tue, aus freien Stücken tun und mich darüber wundern, für etwas das mir Spaß machte auch noch bezahlt zu werden. Erst nach und nach bekam ich mit, dass ich damit eher die Ausnahme als die Regel war. |
| Ein
erstaunlich hoher Anteil an regelmäßigen Tätigkeiten wird heute von
Personen wahr-genommen, die eigentlich ganz andere Pläne hatten (Lennon 1980). So
erfuhr der Begriff 'Arbeit' über die Jahrzehnte eine Umdefinition.
Verstand man früher darunter eine Spezialtätigkeit, für die man in der
Adoleszenz als geeignet erkannt und entsprechend geschult wurde, gilt
heute eher das als Arbeit, was Mühe macht und eine gewisse Überwindung
kostet. So erntete unlängst ein hohes Mitglied der Regierung einen
Sturm der Entrüstung, weil es sich nicht entblöden konnte, im Rahmen
einer öffentlichen Diskussion anzumerken, die Betreuung der eigenen
Kinder könne man nicht als zu bezahlende Arbeit betrachten. |
| Prinzipiell
werden Arbeitnehmer von Arbeitgebern bezahlt. Das
steht beiden frei und bedarf einer Vereinbarung. Zu betreuende Kinder
kann man als zu leistenden Aufwand einstufen. Wir unterhalten
Kinderbetreuungsstätten aus öffentlichen und privaten Mitteln. Wird die
Betreuung von einem oder von beiden Elternteilen geleistet, sollte es
in einer gesund verfassten Gesellschaft zu keinen Entrüstungsstürmen
führen, wenn man ins Grübeln kommt. Will man auch hier eine Art
Arbeitsverhältnis verorten, ließen sich zunächst immerhin die Leister
benennen: die Erziehungsberechtigten allemal, unterstützt durch
Hilfskräfte wie Babysitter und Haushaltshilfen. Wer aber vergibt dann
diese Arbeit? Die unmittelbaren Nutznießer (die Kinder) kommen ja nicht
in Frage. Familien mit Kindern kommen in den Genuss von öffentlichen
Zuwendungen. Man könnte in diesem Fall das Staatsganze als
Arbeitgeber betrachten. |
| Als wir
beide als erste Geborene (im Abstand von zwei Jahren) aus dem Gröbsten
heraus waren, ging unsere Mutter wieder unterrichten. Auf uns passte
vormittags eine 'Tante' auf, die wir rasch sehr lieb gewannen. Einmal,
als es anders nicht ging, nahm mich die Mutter kurzerhand mit. Ich saß
dann fasziniert in der letzten Bank und durfte den großen Kindern beim
Lernen zusehen. Noch in ihren letzten Jahren (sie wurde 92) hörten wir
oft von ihr den Satz: "Ich hab gern unterrichtet." Vormittags wurde sie
dafür bezahlt, 25-30 Kindern 4-5 Stunden lang etwas beizubringen. Und
nachmittags? Abends? Am Wochenende? Da hat sie selbstbestimmt gelebt.
Und auch wenn wir ihr manchmal auf die Nerven gingen, hat sie gern mit
uns gelebt. Sie hat sich das so gewünscht. |
| 8/26 < MLB (8/26) > |
| John Lennon (1980) 'Life is what happens to you while you're busy making other plans'. Beautiful Boy (Darling Boy), LP 'Double Fantasy'. |
| Recht auf Arbeit? (7/25) Schöne neue Arbeitswelt (3/19) Education versus biology (10/14) |