Was wir sagen
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Manches
spricht man aus, und manches denkt man sich nur. Das still Gedachte
bleibt bei uns, doch die laute Stimme richten wir an alle, die uns
hören. Nicht immer trifft das Letztere zu. Manchmal hören nur wir
selbst uns zu. Zumindest bei mir ist das gelegentlich der Fall. Schon
lange bin ich es gewöhnt, auf einsamen Wanderwegen laut zu mir selbst
zu sprechen. Einerseits ist mir aufgefallen, dass so die Zeit schneller
vergeht, wodurch der subjektive Eindruck entsteht, man käme schneller
voran. Andererseits lässt die akustische Wahrnehmung die Gedanken
deutlicher in Erscheinung treten. Sie klingen auditiv nach, erzeugen
wirksamere Resonanzen im Gedankenraum.
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Auf
die meisten wirkt ein solches Tun befremdlich. Deshalb praktiziere ich
es nur, wenn ich sicher bin, dass mir niemand zuhört. Hin und wieder
kommt es vor, dass sich von hinten andere Wanderer nähern, ohne dass
ich es bemerke. Früher war mir das sehr peinlich, und ich flüchtete
mich in ein paar Huster, in der Hoffnung damit den Eindruck etwas
abzumildern. Seit ein paar Jahren muss ich mir deshalb keine Sorgen
mehr machen. Viele, denen ich begegne, reden inzwischen auch mit sich
selbst, zumindest hört es sich so an. In Wahrheit tragen sie kaum
wahrzunehmende Kommunikatoren und sprechen ganz normal mit jemanden
anderen, nicht mit sich selbst.
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Als genuin kommunikative Wesen sind wir von Kindesbeinen an gewöhnt, mit Bezugspersonen zu sprechen, aber auch mit nur
flüchtig Bekannten. Hin und wieder verlangen es die Umstände, auch mit
uns gänzlich Unbekannten zu reden. Wir können das. Es fällt den meisten
von uns nicht schwer. Im Gegenteil: längere Zeit ohne Ansprache macht
uns verdrießlich. Uns fehlt etwas. Es gibt nichts Schöneres als von
einer mitfühlenden Seele nach dem werten Befinden gefragt zu werden.
Mit fortschreitendem Alter werden solche Momente immer seltener.
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Man
kann die Ausdünnung des kommunikativen Umfelds als Gelegenheit nutzen,
endlich erwachsen zu werden. Man hört damit auf, sich nach A, B oder C
zu richten, sondern tut endlich das, was man will. Noch etwas lernen
wir viel zu spät im Leben. Die meisten 'guten Seelen' leiden unter
ihrer schönen Eigenschaft. Sie fragen nicht aus echtem Interesse,
sondern aus Höflichkeit. Höflich sollten wir alle sein, dazu gehört
aber auch, sie nicht über Gebühr auszunutzen. Höflichkeit ist eine
wechselseitige Bringschuld. Man sollte auf sie mit eigener Höflichkeit
reagieren.
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Einigermaßen
geübt in dieser hohen Schule gestalten wir unsere Gespräche bald wie
geschickte Tänze um aktuelle und weniger aktuelle Themen, je nachdem,
worauf wir gerade stoßen. Wozu eigentlich? Nur um das Sprechen an sich
zu üben? Man könnte einwenden, dafür haben wir nicht sprechen gelernt.
Wir beherrschen diese Disziplin um Information auszutauschen, um
gemeinsam nachzudenken mit mehr als nur einem Gehirn. Das würde ich mir
bei Gesprächen wünschen.
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Leider
habe ich bei Gesprächen oft den Eindruck, es handelt sich nur um
inhaltslose Tändeleien, fast wie das Geflügel auf dem Hof seine
Rangordnung prüft. Es ist in erster Linie ein soziales Ereignis, nicht
das gemeinsame Suchen nach Erkenntnissen. Das finde ich schade. Sollten
wir unsere Sprachfähigkeit nicht besser nutzen? Synonym für miteinander
zu sprechen steht sich miteinander zu unterhalten. Was für eine
entlarvende
Gleichsetzung! Die wervolle Fähigkeit gemeinsam auf Ideen zu kommen
wird meistens nur zur Zerstreuung geübt.
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Dabei
gäbe es genug wichtige Themen zu verhandeln. Fühlen wir uns nicht dazu
berufen? Fürchten wir uns, weniger klug zu reden als andere? Oder
trauen wir anderen keine interessante Meinung zu? Nachdem wir
tagtäglich über die Medien mit wohlgesetzten Meinungen und Kommentaren
geradezu überschwemmt werden, wagen wir es kaum mehr, unsere eigene uns
klein
erscheinende Stimme zu erheben. Viele fühlen sich auch im sozialen
Kontext etwas ungemütlich.
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Es
gibt nichts Schöneres als ein
soziales Ereignis, bei dem man sich wohlfühlt, sich vor niemandem
fürchtet, und jeder in der Lage ist, sich spontan und natürlich
auszudrücken, ohne vorbereitetes Manuskript, ohne das Gefühl, recht
behalten zu müssen. Man sollte einander achten, auch im vertrauten
Kreis. Stehen wir nicht alle ständig vor
der Aufgabe, mit dem Leben zurecht zu kommen? Sollten wir nicht gerade
bei uns lange Vertrauten ein Ich vermuten, das sie analog zu uns selbst
so nennen? (Hegel 1821)
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Man
könnte fast argwöhnen, der Geist des miteinander vertraut Seins wird
uns heute durch die Allgegenwart der Medien ausgetrieben.
Der Eindruck trügt. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass das
wahre Lebensgefühl eben nicht aus dem medialen Konsum mehr oder weniger
sorgfältigt aufbereiteter Meinungen resultiert, sondern aus dem
lebendigen Zusammensein mit authentischen selbstbestimmten Vertretern
unserer sozialen Spezies.
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| 8/26 < MLB (8/26) > 8/26 |
| G.W.F. Hegel (1821) Grundlinien der Philosphie des Rechts.4, § 158. Liebe
heißt überhaupt das Bewußtsein meiner Einheit mit einem anderen, so daß
ich für mich nicht isoliert bin, sondern mein Selbstbewußtsein nur als
Aufgebung meines Fürsichseins gewinne und durch das Mich-Wissen, als
der Einheit meiner mit dem anderen und des anderen mit mir. |