MHJ (istockphoto.com)

Was wir sagen

Manches spricht man aus, und manches denkt man sich nur. Das still Gedachte bleibt bei uns, doch die laute Stimme richten wir an alle, die uns hören. Nicht immer trifft das Letztere zu. Manchmal hören nur wir selbst uns zu. Zumindest bei mir ist das gelegentlich der Fall. Schon lange bin ich es gewöhnt, auf einsamen Wanderwegen laut zu mir selbst zu sprechen. Einerseits ist mir aufgefallen, dass so die Zeit schneller vergeht, wodurch der subjektive Eindruck entsteht, man käme schneller voran. Andererseits lässt die akustische Wahrnehmung die Gedanken deutlicher in Erscheinung treten. Sie klingen auditiv nach, erzeugen wirksamere Resonanzen im Gedankenraum.
Auf die meisten wirkt ein solches Tun befremdlich. Deshalb praktiziere ich es nur, wenn ich sicher bin, dass mir niemand zuhört. Hin und wieder kommt es vor, dass sich von hinten andere Wanderer nähern, ohne dass ich es bemerke. Früher war mir das sehr peinlich, und ich flüchtete mich in ein paar Huster, in der Hoffnung damit den Eindruck etwas abzumildern. Seit ein paar Jahren muss ich mir deshalb keine Sorgen mehr machen. Viele, denen ich begegne, reden inzwischen auch mit sich selbst, zumindest hört es sich so an. In Wahrheit tragen sie kaum wahrzunehmende Kommunikatoren und sprechen ganz normal mit jemanden anderen, nicht mit sich selbst.
Als genuin kommunikative Wesen sind wir von Kindesbeinen an gewöhnt, mit Bezugspersonen zu sprechen, aber auch mit nur flüchtig Bekannten. Hin und wieder verlangen es die Umstände, auch mit uns gänzlich Unbekannten zu reden. Wir können das. Es fällt den meisten von uns nicht schwer. Im Gegenteil: längere Zeit ohne Ansprache macht uns verdrießlich. Uns fehlt etwas. Es gibt nichts Schöneres als von einer mitfühlenden Seele nach dem werten Befinden gefragt zu werden. Mit fortschreitendem Alter werden solche Momente immer seltener.
Man kann die Ausdünnung des kommunikativen Umfelds als Gelegenheit nutzen, endlich erwachsen zu werden. Man hört damit auf, sich nach A, B oder C zu richten, sondern tut endlich das, was man will. Noch etwas lernen wir viel zu spät im Leben. Die meisten 'guten Seelen' leiden unter ihrer schönen Eigenschaft. Sie fragen nicht aus echtem Interesse, sondern aus Höflichkeit. Höflich sollten wir alle sein, dazu gehört aber auch, sie nicht über Gebühr auszunutzen. Höflichkeit ist eine wechselseitige Bringschuld. Man sollte auf sie mit eigener Höflichkeit reagieren.
Einigermaßen geübt in dieser hohen Schule gestalten wir unsere Gespräche bald wie geschickte Tänze um aktuelle und weniger aktuelle Themen, je nachdem, worauf wir gerade stoßen. Wozu eigentlich? Nur um das Sprechen an sich zu üben? Man könnte einwenden, dafür haben wir nicht sprechen gelernt. Wir beherrschen diese Disziplin um Information auszutauschen, um gemeinsam nachzudenken mit mehr als nur einem Gehirn. Das würde ich mir bei Gesprächen wünschen.
Leider habe ich bei Gesprächen oft den Eindruck, es handelt sich nur um inhaltslose Tändeleien, fast wie das Geflügel auf dem Hof seine Rangordnung prüft. Es ist in erster Linie ein soziales Ereignis, nicht das gemeinsame Suchen nach Erkenntnissen. Das finde ich schade. Sollten wir unsere Sprachfähigkeit nicht besser nutzen? Synonym für miteinander zu sprechen steht sich miteinander zu unterhalten. Was für eine entlarvende Gleichsetzung! Die wervolle Fähigkeit gemeinsam auf Ideen zu kommen wird meistens nur zur Zerstreuung geübt.
Dabei gäbe es genug wichtige Themen zu verhandeln. Fühlen wir uns nicht dazu berufen? Fürchten wir uns, weniger klug zu reden als andere? Oder trauen wir anderen keine interessante Meinung zu? Nachdem wir tagtäglich über die Medien mit wohlgesetzten Meinungen und Kommentaren geradezu überschwemmt werden, wagen wir es kaum mehr, unsere eigene uns klein erscheinende Stimme zu erheben. Viele fühlen sich auch im sozialen Kontext etwas ungemütlich.
Es gibt nichts Schöneres als ein soziales Ereignis, bei dem man sich wohlfühlt, sich vor niemandem fürchtet, und jeder in der Lage ist, sich spontan und natürlich auszudrücken, ohne vorbereitetes Manuskript, ohne das Gefühl, recht behalten zu müssen. Man sollte einander achten, auch im vertrauten Kreis. Stehen wir nicht alle ständig vor der Aufgabe, mit dem Leben zurecht zu kommen? Sollten wir nicht gerade bei uns lange Vertrauten ein Ich vermuten, das sie analog zu uns selbst so nennen? (Hegel 1821)
Man könnte fast argwöhnen, der Geist des miteinander vertraut Seins wird uns heute durch die Allgegenwart der Medien ausgetrieben. Der Eindruck trügt. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass das wahre Lebensgefühl eben nicht aus dem medialen Konsum mehr oder weniger sorgfältigt aufbereiteter Meinungen resultiert, sondern aus dem lebendigen Zusammensein mit authentischen selbstbestimmten Vertretern unserer sozialen Spezies.
8/26 <          MLB (8/26)          > 8/26
G.W.F. Hegel (1821) Grundlinien der Philosphie des Rechts.4, § 158. Liebe heißt überhaupt das Bewußtsein meiner Einheit mit einem anderen, so daß ich für mich nicht isoliert bin, sondern mein Selbstbewußtsein nur als Aufgebung meines Fürsichseins gewinne und durch das Mich-Wissen, als der Einheit meiner mit dem anderen und des anderen mit mir.