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Wer sind wir?

Nachschau im Wörterbuch offenbart, dass dimensio im Lateinischen 'Ausmessung' bedeutet. Man stellt sich einen Prüfer vor, der an eine zu ermittelde Größe eine bekannte Vergleichsgröße hält. Das Zeitwort 'messen' dürfte mit dimensio verwandt sein. Das Ergebnis des Vergleichs könnte dann sein: die zu ermittelnde Größe entspricht der Prüfgröße oder unterscheidet sich von ihr (der wahrscheinlichere Fall): ist kleiner oder größer, steht zu ihr in einem bestimmten Verhältnis, das sich zahlenmäßig ausdrücken lässt (doppelt so groß, halb so groß, um einen bestimmten Faktor größer oder kleiner).
Vielleicht trägt unser Prüfer sogar das Pariser Urmeter in der Hand, während er sich damit an einem Objekt entlang bewegt, z. B. entlang der Fassade der Wiener Staatsoper. Womöglich sind auf diesem Stab auch Hundertstel-Teile (centi-) und sogar Tausendstel-Teile markiert (milli-). 'Messen' nennt man diesen Vorgang. Wir brauchen dazu einen Mess-Stab oder ein Mess-Band (vulgo Maßband). Der Messvorgang kann eine Strecke ergeben, und bei etwas mehr Mühewaltung auch die Ausmaße einer Fläche zum Ergebnis haben.
Für die Erfassung der Kubatur eines drei-dimensionalen Raumes müssen sogar mindestens 3 Messvorgänge in unterschiedliche Richtungen ausgeführt werden. Bei jedem Richtungswechsel des angelegten Mess-Stabs ändert sich der geometrische Aspekt des zu vermessenden Objekts. Zum Glück erfassen wir die Gestalt eines Objekt spontan dank unserer gut geübten Sinne (Sehsinn und Tastsinn). Dieser spontane Eindruck geht so gut wie immer einem Messvorgang voraus. Wir wissen, dass wir für die präzise Beschreibung eines Rechtecks 2 Distanzen messen müssen.
Ein Rechteck erstreckt sich auf einem zwei-dimensionalen Ort. Ein unregelmäßiges Viereck tut das auch, aber bei diesem benötigt man für eine vollständige Beschreibung mehr als nur 2 Messungen. Das Rechteck verdankt seine Bezeichnung den rechten Winkeln, die seine Seiten einschließen. Den 2-dimensionalen Ort an dem sich Rechtecke und unregelmäßige Vierecke befinden nennen wir 'Ebene'. Die Ebene in der sich die Fassade der Wiener Staatsoper befindet lässt sich mit geeigneten Peilgeräten messtechnisch erfassen.
Diese Mühe erspart man sich auf einem einfachen Blatt Papier (oder auf einer html-Seite, siehe oben). Archimedes zeichnete seine geometrischen Figuren noch bevorzugt mit der freien Hand auf den flachen Boden. Man könnte diese Hilfsmittel als eine Erweiterung unseres Denkorgans betrachten. Damit lassen sich messtechnische Verfahren allgemein gültig darstellen. Zunächst wird mit freier Hand auf Schmierzetteln oder auf Sand herum probiert, und später sorgfältig auf schönem Papier, auf Pergament oder auf Papyrus dauerhaft fest-gehalten.
Archimedes, Euklid und sicher auch schon Pythagoras lange vor ihnen wussten, dass ihre Überlegungen zu geometrischen Gebilden in der Ebene nicht unbedingt auf die Realität übertragbar waren. Es waren 'Abstraktionen' und gingen großzügig hinweg über all die lästigen Begleit-Erscheinungen der wirklichen Dinge. Es redet sich zwar leicht von 'rechten Winkeln', aber so mancher einmal so gemeinte ist an realen Bauwerken schon lange kein solcher mehr (oder war es nie).
Man tut was man kann. Man gibt sich Mühe. Über 2000 Jahre nach Archimedes bauen wir heute Häuser mit über 100 Stockwerken, ohne dass sie zusammenfallen, und fliegen ins All. Man kann durchaus behaupten, dass wir uns in der 'Raumzeit' ziemlich souverän bewegen. Was wir herstellen passt auf den Mikrometer genau, wo wir hinwollen kommen wir oft auf die Stunde, manchmal sogar auf die Minute genau an. Wir haben die Welt im Griff.
Die Welt? "Alles, was der Fall ist"? Wir haben bestimmte Formen der toten Materie im Griff. Schon beim Wetter und beim Klima ist es nicht weit her mit dem 'Griff'. Auch unser Umgang mit der Tier- und Pflanzenwelt ist noch ziemlich dilettantisch. Und am schwersten tun wir uns mit Unseresgleichen. Unsere Technik ist tip-top, aber leider setzen wir sie nicht immer zum Wohl des Ganzen ein, und leider viel zu oft nur zur eigenen Bequemlichkeit und zum persönlichen Vergnügen.
Irgendwie sind wir mit dem messtechnischen Erfassen der Welt ins Stocken geraten. Es scheint uns schwer zu fallen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eigentlich sollten wir uns darum bemühen, mit Unseresgleichen gut auszukommen. Aber das Studium der menschlichen Verhaltens-Weisen ist schwer. Da ist es leichter, Häuser mit mehr als 100 Stockwerken zu bauen. Wir richten unser Klima zugrunde. Das erscheint uns weniger relevant als unsere ehrgeizigen Zeitpläne einzuhalten.
Es ist erschreckend wie lange wir brauchen, wesentliche Erkenntnisse in sinnvolles Handeln umzusetzen. Die Welt ist nicht so einfach wie ein Auto zu fahren. Wir sind (fast) alle leidenschaftliche Autofahrer und sehen nicht, wieviel wir damit schon ruiniert haben. Wir konzentrieren uns auf die falschen Dinge, haben die falschen Präferenzen. Warum fällt es uns so schwer, uns selbst für das Wohl und Wehe der Welt zuständig zu fühlen?
Vielleicht liegt es daran, dass wir uns für immer weniger im Leben persönlich und vollinhaltlich zuständig fühlen. Die heute nahezu perfekte Kontrolle über technische Umstände und Abläufe verdanken wir gründlich ausgebildeten Spezialisten und Experten, aber sobald es weniger technisch zur Sache geht rufen wir oft vergeblich nach denselben. Dann rächt es sich, dass wir uns ein Leben lang daran gewöhnt haben, dass für alles irgendjemand zuständig ist (und nicht wir selbst).
Das mag auch damit zu tun haben, dass wir uns aus Bequemlichkeit immer mehr auf Automaten und Maschinen verlassen. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit fühlen wir uns verpflichtert, die höheren 'Standards' einzuhalten, die dank der Delegierung an technische Geräte erreichbar sind. Dabei wird das Geschirr in der Spülmaschine nicht wirklich sauberer als mit der Hand gewaschen. Auch von A nach B kämen wir zu Fuß oft genauso gut (auch wenn es etwas länger dauert).
Wir haben verlernt zu leben. Vor lauter Unrast und Ehrgeiz sehen und spüren wir das Wesentliche nicht mehr. Wie erfahren wir die Welt? Mit wem tauschen wir uns darüber aus? Wie kommen wir zu Ansichten, Meinungen und Überzeugungen? Was ist Wahrheit? Was ist ein Geheimnis? Was ist schön? Wonach sehnen wir uns? Wer sind wir? Und wer oder was ist die Wiener Staatsoper?
'Die Welt ist alles, was der Fall ist.' (1) 'Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.' (1.1). Tractatus logico-philosophicus, Ludwig Wittgenstein (1922).

Backstage Wiener Staatsoper. Stephanus Domanig, Österreich 2019, 90 min

Der kleine Stowasser. M. Petschenig (1971) Hölder-Pichler-Tempsky.
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