Good Times? *
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| Über
die Jahrzehnte setzten wir alles daran, uns das Leben immer einfacher
zu machen. Zwar waren wir schon lange dazu angehalten, in allen Dingen um die Wette zu eifern, uns nach vorne und nach oben zu
arbeiten; doch dann glaubten wir, man könnte jedem und jeder zum Sieg
verhelfen. Statt an Universitäten streben wir an Fachhochschulen nach
Kenntnissen und Fertigkeiten. Statt in der Zeit für die Not zu sparen,
setzen wir unsere Überschüsse auf dem Spieltisch des Markts,
vielmehr: wir lassen setzen, von gewieften Fondsmanagern, damit wir uns
nicht stressen müssen. Inzwischen hat man uns soweit, dass wir brav
unsere jeweilige Nische nutzen und uns entspannt des Lebens freuen, was
davon noch übrig ist. Viel ist es nicht. Und auf einmal sind wir
unzufrieden. |
| Unzufrieden?
Haben wir nicht alles, was wir brauchen? Sollten wir uns nicht als
Sieger fühlen? Wenn wir ehrlich sind, kommen wir uns eher wie Betrüger
vor. Wir versuchten, auf dem Weg nach oben die Abkürzung zu nehmen, und
es hat nicht so richtig funktioniert. Unser Fachwissen erlaubte es, zu
liefern, was unsere Arbeitsgeber von uns erwarteten. Wir selbst
haben davon nur wenig profitiert. Weder machte es uns zu besseren
Menschen, noch verhalf es uns dazu, neugierig auf diese Welt zu werden
und in ihr Geheimnisse zu vermuten, die das Leben spannend machen.
Unser Zuwachs an Wohlstand kam wie von selbst und war eher dem
allgemeinen Wirtschaftswachstum zu verdanken als der eigenen Leistung.
Wir redeten uns ein, super zu sein, aber lange hat das nicht
funktioniert. Eine merkwürdige Leere macht sich breit. |
| Wie
beurteilt man den Bildungsgrad einer Gesellschaft? Denkt man gründlich
darüber nach, wird man rasch erkennen, dass es wenig bringt auf die
akademischen Grade zu achten. Leider sieht man es den Titeln nicht an,
was dahintersteckt. Worauf käme es an? Darauf, wieviele Jahre man
Bildungsanstalten besucht hat? Wieviele Fremdsprachen man beherrscht?
Wieviele Bücher man gelesen hat? Wieviele Musikinstrumente man spielt? |
| Schon
der Begriff 'Bildung' legt nahe, dass es dabei um mehr geht als nur um
die Akkumulation von Kenntnissen und Fertigkeiten. Es geht um die
Begleitung heranwachsender Kinder und Jugendlicher auf ihrem Weg zum
selbstständigen Menschen. Neben Wissensvermittlung muss es dabei auch
um Charakterformung gehen, um die Vermittlung eines Rüstzeugs, mit dem
wir ein immer neues Leben bewältigen können, in all seiner
unvorhersehbaren Vielgestaltigkeit. |
| Die
Stimmung, die man in aktuellen Gesellschaften wahrnimmt, vermittelt ein
hohes Maß an Desorientiertheit. Offenbar wurde in den letzten 1 - 2
Generationen zu wenig praktische Lebenshilfe vermittelt. Man glaubte,
mit Fakten und Daten das Auslangen zu finden. Das Resultat sind
wachsende Massen, die nicht wissen was ihnen fehlt. Ein gefundenes
Fressen für Rattenfänger, die oft genauso ahnungslos sind. Von den
'schönen Künsten' war im Verlauf unseres Bildungswegs leider viel zu
selten die Rede. Dieser Sektor in unserer Psyche blieb unterbelichtet.
Er kam unter die Räder eines aus dem Ruder laufenden 'freien Marktes'. |
| Künstlerische
Hervorbringungen werden manchmal als angenehm und unterhaltsam
empfunden. Dieser Aspekt lässt sich problemlos in den Dienst eines
Regelwerks aus Angebot und Nachfrage stellen. Doch das Schöne ist nur
der kleinere, allgemein sichtbare Teil. Wie bei den Pilzen schlummert
der größere Teil unter der sichtbaren Oberfläche. Dort ruhen die wahren
Schätze, unausgedrückt, sehnsüchtig ihrer Konkretisierung harrend. Und
die kann nicht in Fachlehrgängen gefördert werden, sondern muss in
konkreten Individuen keimen und Wurzeln schlagen. Das ist nicht mit
Geld zu bezahlen, sondern muss jeweils gelebt werden, von Mensch zu
Mensch. |
Dieses
Erleben gründet auf einem tiefen unverzichtbaren Sockel. Er zieht sich
durch unsere Geschichte als Spezies, in guten Zeiten langsam wachsend,
in schlechten schnell schwindend. Wir können ihn 'Kultur' nennen,
solange wir noch spontan wissen, was damit gemeint ist. Es ist keine
gute Idee, die Pflege dieses Sockels dem freien Markt zu überlassen.
Das führt nur zum Überhandnehmen von Kitsch und zur Bespaßung der
breiten Masse. Die Kultur treibt ihre Früchte im Stillen. Sie kommen
zum Vorschein wie die Steinpilze im Wald: dort, wo man sie nicht
erwartet.
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| Der
aktuelle Kulturschwund liegt vorallem am Verlust an (zeitlicher) Tiefe.
Früher reichten die Wurzeln der meisten großen Gesellschaften viele
Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück. Das meiste davon ist schon
verloren, also in der Gegenwart nicht mehr wirkmächtig. Wenngleich die
alten Inhalte noch immer gut dokumentiert sind, taugen sie praktisch
nur noch zur folkloristischen Erbauung und kaum noch als
Handlungsanleitung für die Bewältigung gegenwärtiger Probleme. Ist
unser Verlust an Kultur also unaufhaltsam? |
| Nicht
ganz. Kultur hat nicht nur Tiefe, sondern auch Breite. Die Breite wird
repräsentiert durch ihre aktuellen Träger. Noch nie gab es so viele
potentielle Kulturträger. Sie müssten nur dazu bereit sein, ihre
Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, anstatt sie mit
Banalem zu verplempern und mit Halblustigem zu verblödeln. |
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| * 'Good Times' war 1967 ein Hit der britischen Popband 'The Animals': 'When I think of all the good time that's been wasted having good times ...' |
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