Das Vergessen, der Wahnsinn, und das Unerwartete
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Was tut ein rastlos Forschender, wenn er sich mit einem immer unzuverlässlicheren Gedächtnis herumschlagen
muss? Er macht sich - keine Sorgen. Denn als Hirnforscher weiß er ja
Bescheid über den Aufbau desselben (nämlich des Hirns). Es gibt nicht
nur ein (1) Gedächtnis, und die Lokalisation der verschiedenen
Spielarten ist recht unterschiedlich. Nach aktuellem Forschungsstand
betrifft die altersbedingte (ich bin Jahrgang 53) Gedächtnisschwäche das
Kurzzeitgedächtnis.
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Vom berühmten Fall H. M. wird
berichtet, er hätte immer wieder versucht, seiner Kurzzeitschwäche
durch das Führen eines Tagebuchs Herr zu werden. Darin wimmelt es nur
so von Selbst-versicherungen, über dieses und jenes jetzt endlich wieder
ganz genau Bescheid zu wissen, nur um mit der stereotypen Wiederholung
der Feststellung gleich selbst ungewollt den Gegenbeweis zu liefern.
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H.
M. (Jahrgang 26) litt seit seiner Kindheit an schwerer Epilepsie. Seine
Fähigkeit, neue Erinnerungen zu bilden, wurde von keinem
Alterungsprozess beeinträchtigt, sondern
ging im jugendlichen Alter von 27½ Jahren durch einen
neurochirurgischen Eingriff verloren, der damals (1953) noch nicht
Routine war. Registrierung des EEG lokalisierte die Quelle der
paroxysmalen Aktivität bilateral in den Schläfenlappen. Durch zwei
Bohrlöcher wurden große Teile derselben entfernt, darunter auch der
Großteil der Hippocampi.
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Spätestens
seit diesem gut dokumentierten Einzelfall schreibt man dem Hippocampus
eine zentrale Rolle bei der Bildung von frischen Gedächtnisinhalten zu.
Was bei H. M. - damals noch zur Bestürzung aller Beteiligten - von
einem Tag auf den anderen eintrat, zieht sich bei der
Altersvergesslichkeit über Jahrzehnte hin. Der Leidensdruck ist
geringer. Man selbst und die Mitmenschen - man altert schließlich
gemeinsam - haben Zeit sich mit den geänderten Umständen zu arrangieren.
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Man
tut gut daran, gewisse Umstellungen im Lebensstil vorzunehmen. Gut
geübte Gewohn-heiten (man kann auch neue annehmen) vergisst man
nicht. Man sollte sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Ja, es
geschehen Fehler. Man glaubt, etwas erledigt zu haben, und muss hin und
wieder registrieren, dass dem nicht so ist. So what? Man findet sich
damit ab.
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Immer
größere Abschnitte eines Tages werden so in Zuständen verbracht, die
man durchaus als wahnhaft bezeichnen könnte. Man ist überzeugt, noch
ein paar Erdäpfel in der Lade zu haben, und als man abends einen oder
zwei herausnehmen will, sind gar keine mehr da. Die Realität belehrt
uns sowieso immer eines Anderen, und dieses Andere entspricht nicht
unserem Wahn, sondern der Wahrheit und somit einem Besseren. Dann heißt
es, flexibel zu sein. Das Unerwartete hat immer recht.
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1/26< MLB 4/26
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see: The benefits of objectivity (5/24)
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