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Kompetenz

Schon so viele Jahre bin ich es gewöhnt, meinen Gedanken schriftlich Lauf zu lassen, aber ein Gefühl beschleicht mich immer öfter, ohne dass ich es bisher sprachlich einfangen konnte. Zunehmend mache ich mir Gedanken über die Rezeption all dieser bilingualen Einlassungen. Ich habe bewusst darauf verzichtet, mich mit Zugriffshäufigkeiten zu befassen. Ich weiß nicht ob, und wenn ja, was gelesen wird.
Ich hielte es für eitel, sich mit solchen Aspekten zu befassen. Die Texte bieten mir selbst eine Nachdenkhilfe. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass mich Reaktionen darauf nur durcheinander bringen würden. Ich schreibe also für mich selbst, und nur für mich selbst. Dennoch frage ich mich manchmal, was für einen Endruck diese Texte auf Leser machen - wenn es denn solche gibt.
Es könnte sein, dass so mancher oder so manche sich denkt: was will der eigentlich? Schreibt über dies und das, über viele Sachen von denen er kraft seiner Ausbildung höchstens nur am Rande etwas verstehen kann, und wir sollen das lesen? Was versteht er denn wirklich von Kosmologie, von Erziehung, von Sozialwissenschaft, Religion, Raumfahrt, tierischem und menschlichem Verhalten - als kleiner Biochemiker?
Ich kann meiner Urangst nicht entkommen: der Angst, ausgelacht zu werden. Immerhin kann ich versuchen, sie zu benennen und richtig einzuordnen. Ich kann sie als Ansporn betrachten. Ja, es stimmt: ich kann auf all den genannten Wissensgebieten nicht sattelfest und mit Brief und Siegel ausgebildet sein. Aber ich nehme für mich in Anspruch, mit meinen logischen Gedanken immer auf dem Boden der Vernunft zu bleiben.
Ich kenne meine Grenzen, und es verlangt mich nicht danach, darüber hinaus zu gehen. Spekulation ist nicht mein Ding. Wenn ich mich in Gebiete wage, die scheinbar nicht unter meinen natur-wissenschaftlichen Doktorhut passen, so bin ich mir immer dessen bewusst. Ich maße mir keine Kompetenz außerhalb meiner Formation an. Mir geht es um die Sache und nicht um mich. Die Welt ist so verfasst, dass man sie nicht in bequemen Häppchen verstehen kann.
Ich verstehe mich als Naturwissenschafter, dessen Spezialgebiet der Mensch ist. Nimmt man dieses Thema ernst, gerät man unvermeidlich auch in Grenzgebiete zu anderen Wissenschaften. Hört dort die Kompetenz des Naturwissenschafters auf? Im Gegenteil: gerade dort ist sie besonders stark gefordert. Dort muss sie sich bewähren. Deshalb betrete ich ohne Scheu auch diese Regionen. Sie ziehen mich geradezu magisch an.
 8/26 <          MLB (8/26)          >