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Das stimmige Weltganze ¹

Heute wirkt das Walten der Ordnungskräfte früherer Jahrhunderten auf uns manchmal befremdlich und, wenn es nicht um Grauslichkeiten ginge, geradezu lächerlich. Wie konnte z. B. im 17. Jh. ein Galileo Galilei mit dem Tod am Scheiterhaufen bedroht werden nur, weil er bezüglich der Bewegung von Sonne, Erde und Planeten anderer Meinung als die Obrigkeit war? War es denn für das gedeihliche Miteinander der Erdbewohner so wichtig, wie im Detail die Bewegung der Lichtpünktchen am Nachthimmel interpretiert wurde?
In früheren Jahrtausenden, ohne Schrift, Kalender und Uhr, waren die Leuchtzeichen am Himmel die einzigen verlässlichen Taktgeber. Unter dem Firmament waren alle gleich, denn wann und wo die Sonne jeweils auf- und unterging blieb niemandem verborgen. Die frühe Landwirtschaft folgte harten Fakten. Kein Herrscher konnte daran rütteln. Damals war es nur klug und ratsam, sich nach dem Lauf der Gestirne zu richten. Schon den frühen Menschen war eines klar: sie waren den Launen der Natur nicht machtlos ausgeliefert.
Später bekam man die Welt auf anderen Wegen in den Griff. Mit den Hochkulturen entstanden die ersten Kalender und die ersten Schriften. In der Antike folgten die ersten mechanischen Zeitgeber des Archimedes von Syrakus und des Hipparch von Nicäa. Wegen der geringen Stückzahl standen diese aufwendigen Apparate nur wenigen zur Verfügung.² Das Gros der Menschheit maß das Vergehen der Zeit anhand von fix installierten Sonnenuhren (wenn sie denn schien, die Sonne).
Was im Neolithikum noch selbstverständlich war, der gemeinsame tag-täg- und jahr-jährliche Nachvollzug eines Weltganzen, geriet in Bedrängnis, als das geschriebene das gesprochene Wort als Fakten-setzender Akt verdrängte, und als man zum ersten Mal um die ganze Erde fuhr. Zunehmend wurden wichtige Entscheidungen nur mehr von schmalen Oberschichten getroffen. Das Weltganze wurde nicht mehr gemeinsam erlebt, sondern der breiten Masse in Form von Mitteilungen nahe gebracht, die dem wahren Sachverhalt nicht gerecht werden konnten.
An die Stelle des jeweils persönlichen Erfahrungsschatzes traten Erzählungen und Symbole mit starker Wirkkraft. Seinerzeit hat es Galilei gewagt an einem solchen Symbol zu rütteln (und war sich dessen auch bewusst). Erst im 20. Jh. kommt die Menschheit allmählich wieder auf Augenhöhe mit sich selbst. Dank der nahezu barrierefreien Verbreitung eines Weltwissens auf dem neuesten Stand sind wir endlich wieder in der Lage, gemeinsam eines Weltganzen inne zu werden.
Dabei kommt es allerdings noch zu einigen ... ... Startschwierigkeiten. Wir haben uns in den vergangenen Jh.en so sehr daran gewöhnt, in Modellen und Symbolen zu denken, dass wir es erst wieder selber lernen müssen (das Denken nämlich). Momentan jedenfalls herrscht freie Wildbahn: jeder denkt sich was er will (und sie natürlich erst recht). Damit kommen wir auf die Dauer nicht voran. Die Denkkraft individueller Gehirne ist begrenzt auf ca. 80 Milliarden Neurone.
Der Erfolg der Menschen als Spezies beruht auf ihrem Zusammenwirken. Fast hat man heute den Eindruck des Gegenteils: Jeder gegen jeden und jede, und jede gegen jede und jeden. Offenbar sind wir von einem stimmigen Weltganzen noch weit entfernt. Es fehlt an kompetenten Instanzen denen wir alle vertrauen. Misstrauen regiert die heutige Welt. Als gelernter Wissenschaftler (und G'schaftl-huber) dachte ich einmal naiver Weise, wir könnten uns an wissenschaftlich gesicherte Fakten halten.
Können wir leider nicht. Außer den meisten von uns Wissenschaftlern steht homo sapiens zur Zeit solchen 'Fakten' eher abwartend bis misstrauisch gegenüber. Es wird noch viel Mühe kosten, bis das 'gesicherte Wissen' tatsächlich bei allen angekommen ist und die Bezeichnung 'gesichert' auch verdient. Dann allerdings (in 100 oder 200 Jahren) steht einer Lösung anstehender gemeinsamer Probleme nichts mehr im Weg.
10/26 <          MLB (10/26)          > 10/26
¹ google KI reagierte auf den Titel 'Das stimmige Weltganze' mit einem blütenreichen Kommentar (ganz ohne Dornen), auch wenn diese Wortfolge im www kein einziges Mal vorkommt.
² Diese antiken Zeitgeber erlaubten die Vorhersage bevorstehender astronomischer Ereignisse wie Sonnen- und Mondesfinsternisse. Das aktuelle Datum musste man selbst einstellen.