
| "Korruption!" |
| Schon bei den Römern hatte das Zeitwort corrumpere
nicht nur die Beideutung 'zerbrechen', sondern stand im übertragenen
Sinn für all die Missliebigkeiten, die uns auch heute dazu einfallen. Die Bestechung war schon in der Antike als Tatbestand dem
vielseitigen Ausdruck zugeordnet. Während die Alten Griechen für uns
heute noch für Weisheit und Wissenschaft stehen, wurzelt unser modernes
Rechtssystem zum großen Teil im Rechtssystem der Alten Römer. |
| Nach
unserem aktuellen Sprachgefühl ist man korrupt, wenn man sich bestechen
lässt. Was aber genau ist mit Bestechung gemeint? Denkt man genauer
darüber nach, wird man zugeben müssen, dass der Vorgang nicht mit
wenigen einfachen Worten zu erklären ist. Angesiedelt ist der negativ
konnotierte Begriff auf dem weiten Feld zwischenmenschlicher
Vereinbarungen: Ich tue etwas für dich, und im Gegenzug tust du
etwas für mich. Ein an sich alltäglicher Vorgang. Was sollte daran
unrechtmäßig sein? |
| Tagtäglich
ist jede(r) von uns auf vielfältige Weise an solchen Interaktionen
beteiligt. Die meisten davon werden schon früh im Leben eingeübt und
fallen uns später kaum mehr auf. Man erkennt das Geschehen an einem
gewissen Kribbeln im sozialen Sensorium, ein Kribbeln das nur selten
emotional in die Nähe der Angst gerät. In aller Regel lernen wir damit
so umzugehen, dass es uns sogar Vergnügen bereitet. Mag sein dass auch
manche Tierarten dieses Vergnügen kennen, aber für unsere Spezies
scheint es von geradezu artbestimmender Bedeutung zu sein. Nicht
umsonst fühlte man sich schon in der Antike als zoon politikon bzw. als animal sociale. |
| Wie
so oft im Spektrum der menschlichen Verhaltensweisen kann auch der für
uns so bestimmende Sozialkontakt zum Schaden anderer angestrengt
werden. Jeder Mensch ist darauf angewiesen. Er stellt für uns eine
wesentliche Ressource dar und könnte gemäß seiner Bedeutung durchaus in
eine Reihe gestellt werden mit der Nahrung die wir zu uns nehmen, ja
sogar mit der Luft die wir atmen. Wie mit allen wichtigen Ressourcen
wird auch mit dem Sozialkontakt Missbrauch getrieben. Unser
Rechtssystem mit seinen Wurzeln tief in der Zeit vor der Antike
(Hammurapi: du sollst..., du sollst nicht...) wurde erfunden, um
solchem Missbrauch Schranken zu setzen. |
| Sozialvereinbarungen
ergeben im Idealfall für beide Seiten nachhaltige Vorteile. Da wir
existenziell auf solche Beziehungen angewiesen sind, stehen wir unter
einem gewissen Druck. Wir müssen uns die vom Partner erhoffte Leistung
etwas kosten lassen. Groß ist die Versuchung, die Leistung ohne Preis
zu genießen. Wir können zwar aufgrund guter Manieren immer bestrebt
sein fair zu handeln, aber gute Manieren fallen leider nicht einfach so
vom Himmel. Sie müssen frühzeitig anerzogen werden, und in vielen
Zusamenhängen muss zeitlebens ein gewisser Druck durch die Gesetzgebung
ausgeübt werden. |
| Nicht
für alles was sich gehört muss es gleich ein Gesetz geben. Wer auf der
Straße bei Begegnungen mit Bekannten nicht grüßt, kommt deshalb nicht
gleich mit bestimmten Paragraphen in Konflikt. Der Geltungsbereich von
Gesetzen ist Ermessenssache. Es kommt auf den Schaden an, der durch ein
bestimmtes Verhalten entstehen kann. Ob z. B. Korruption genug Schaden
verursacht um gesetzliche Reglementierungen zu rechtfertigen, wird von
Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich gesehen. Versucht man
mehrere Gesellschaften diesbezüglich unter einen Hut zu bringen, wird
man sich entsprechend in Geduld üben müssen. |
| Um
Korruption handelt es sich bei einer sozialen Interaktion dann, wenn
die möglichen Konsequenzen über die beiden Interaktionspartner
hinausgehen. Ein Nenn-Onkel von mir war sozial besonders talentiert.
Mein Vater hat gerne die Geschichte erzählt, als er und nämlicher Onkel
in einer langen Schlange auf Einlass zu einem Fußballspiel auf dem
alten Rapidplatz ('Pfarrwiese') warteten. Der Anpfiff rückte näher, aber
die Schlange wurde kaum kürzer. Schließlich verschwand der umtriebige
Onkel für ein paar Augenblicke, winkte meinem Vater zu, und beide
erreichten über eine Nebentür die ersehnten Stehplätze. Er hatte einem
Ordner einen 50er 'gerieben'. Alle hatten etwas davon: Sie sahen das
Spiel, und der Ordner verdiente sich etwas dazu. |
| Der
Haken daran: der Ordner war nicht zum Verkauf von Zutrittsrecht befugt
(von Karten ganz zu schweigen). Auf diese unregelhafte Weise hätte es
zu einer gemeingefährlichen Überfüllung der Zuschauerränge kommen
können. Es gab (und gibt auch heute noch) in Stadien schlimme
Zwischenfälle, mit Massenpanik und hohen Opferzahlen. Immerhin bot die
'Pfarrwiese' zwischen 1912 und 1978 'phasenweise über 25.000 Zuschauern
Platz' (1). Während die unmittelbare Auswirkung des geschilderten
Verhaltens von allen direkt Beteiligten als positiv und wünschenswert
empfunden wurde, wird die in Kauf genommene Möglichkeit der Überfüllung
mit allen gefährlichen Begleiterscheinungen nicht direkt und sofort
wahrgenommen, oder die Gefahr zumindest unterschätzt. |
| Es
geht also um eine Abwägung: welches Risiko darf noch guten Gewissens in
Kauf genommen werden? Wem obliegt es, das zu entscheiden? Im
angeführten Beispiel lässt sich die streng überwachte Ausgabe von
Eintrittskarten noch relativ klar und für alle Beteiligten
nachvollziehbar begründen, nicht zuletzt durch Verweis auf Vorfälle in
der Vergangenheit. Die korrekte Einhaltung von Regeln kann aber auch an
Grenzen der Argumentation stoßen. Wenn bei der Vergabe öffentlicher
Aufträge einzelnen Bewerbern Vorteile eingeräumt werden (z. B. durch
Informationen, die den anderen nicht vorliegen), bewegt man sich in den
Untiefen komplexer Materien. |
| Dass
z. B. Arbeitnehmer einer beauftragten Firma mit Wohnsitz im Umfeld des
Projekts sorgfältiger und engagierter ans Werk gehen könnten als solche
mit Lebensmittelpunkt in einem anderen Mitgliedsland der EU kann wohl
kaum in einem Kostenvoranschlag zum Ausdruck kommen. Hier mit dem
Ausruf "Korruption!" ein Gericht zu bemühen klagt womöglich einen
Schaden ein, der nur schwer (wenn überhaupt) nachzuweisen ist.
Vielleicht sollte man nicht alle Geschäfte, die nicht ganz regelkonform
abgewickelt werden, gleich mit dem bösen Wort brandmarken. Von
Korruption sollte man nur sprechen, wenn Beträge fließen, für die kaum
eine Leistung erbracht wurde. |
| Im schlimmsten Fall werden
Vertragspartner zu Zahlungen genötigt, um für sie negative Konsequenzen
abzuwenden, bis hin zur Androhung von Gewalt. Solche 'Mafia-Methoden'
stehen im Strafgesetz unter einer anderen Rubrik. Aber schon die
Andeutung, bei mangelnder Willfährigkeit bei zukünftigen Aufträgen
nicht mehr in Betracht gezogen zu werden, gerät in die Nähe
solcher Methoden. Bei Geschäften sollten die Tugenden Objektivität und
Offenheit an erster Stelle stehen. Vorteile sollten nur durch gute
Leistungen erzielt werden, nicht durch Anwendung von Druckmitteln. |
| (1) https://de.wikipedia.org/wiki/SK_Rapid_Wien |
| 10/25 < MB (10/25) > 1/26 Thorny Blossoms of Globalization |
| Society as a complex system |