Hang zum Primitiven
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Als
es in den frühen 70ern darum ging, mich politisch zu verorten, geriet
ich ins Dilemma. Auf der einen Seite fühlte ich mich als '68er' (damals
sagte man noch nicht so) und eher nach 'links' gezogen. Auf der anderen kam
in Wien die traditionelle 'linke' Kraft, seit Jahrzehnten an der
Macht, für mich nicht in Frage. Erstens wollte sie partout den
Sternwartepark verbauen; und zweitens plante sie quer durch unseren
Bezirk (den 13.) eine Schnellstraße, um (mitten im Stadtgebiet!) W-
und S-Autobahn miteinander zu verbinden.. So kam es, dass ich damals
zum 1. (und letzten Mal) eine rechtsstehende Partei wählte:
Erhard Buseks 'Bunte Vögel' ('Grüne' gab es damals noch keine).
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Seit
damals ist die Wiener SPÖ bei mir nachhaltig unten durch. Angesichts
der wilden Entschlossenheit derselben, die Lobau mit einer
Schnellstraße zu untertunneln, reibt man sich die Augen. Haben sie im
letzten halben Jahrhundert nichts dazugelernt? Oder gilt die Diagnose:
einmal Betonierer, immer Betonierer? Viel später habe ich dieselbe
Partei aus einem anderen Blickwinkel kennen und schätzen gelernt: als
sozialen Innovator der Zwischenkriegszeit bis 34. Lang, lang ist's
her...
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Es
gab in der Vergangenheit sicher Zeiten, in denen es ein Vorteil war
sich mit dem Betonieren gut auszukennen. Es galt die akute Wohnungsnot
zu lindern. Wien kann zurecht stolz auf seine Gemeindebauten sein. Auch
in den 70ern fiel Wien zum Glück Besseres ein als einen Park zuzubauen
oder eine Schneise der Verkehrshölle quer durch einen Wohnbezirk zu
schlagen: Man nahm statt dessen die Errichtung eines U-Bahnnetzes in
Angriff.
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Dass
man heute immer noch Milliarden in die letzten Finessen dieses an sich
schon ziemlich zufriedenstellenden Grundverkehrsnetzes buttert, dürfte
allerdings noch immer der alten Liebe zum Beton geschuldet sein.
Die Partei leidet an einem latenten Hang zum Primitiven. Die breite
Masse lechzt nach gut bezahlter Arbeit; und
anstatt sich im Detail um den Arbeitsmarkt in all seinen bunten
Erscheinungsformen zu kümmern (wie es einer sozial engagierten Partei
gut
anstünde), stürzt man sich in Großprojekte, mit deren Abwicklung man ja
inzwischen einige Übung hat.
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Die
Wiener SPÖ verlor 2010 nachhaltig die absolute Mehrheit (44%); 2015
rutschte sie knapp unter 40% und kam 2020 noch einmal auf 42%.
Wahrscheinlich schwoll ihr deshalb der Kamm: sie kündigte die (an sich
nicht unbeliebte) Zusammenarbeit mit den Grünen und wandte sich den
'Pinken' zu, die ihrem pathologischen Hang zu Großprojekten weniger
lästig entgegentreten. Sogar die Donau-Auen scheinen ihr in Griffweite,
an denen man 1984 noch krachend gescheitert war, aufgrund eines gut
organisierten öffentlichen Widerstands (und der Gesprächsbereitschaft
eines menschlichen Bundeskanzlers).
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Inzwischen
steht das umstrittene Gebiet unter Naturschutz, ein Umstand der einer
Untertunnelung offenbar nicht im Wege steht. Werden die Wienerinnen und
Wiener bei dieser scheinbar ad perpetuum
fortgesetzten Gigantomanie mitspielen? Oder gäbe es nicht wichtigere
Projekte, als massenhaft Schwertransport unter der Donau samt
Naturschutzgebiet (und jeder Menge dort gelagerter brennbarer
Flüssigkeiten) hindurchzuführen? Man darf zumindest hoffen, dass das
viele Geld für Sinnvolleres in die Hand genommen wird.
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10/25 < MB (10/25) > 10/25
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