Vergebliches Bemühen

Nach drei intensiven Wochen
hatte sie alles durch.
Sie hatte sorgfältig
alle meine Tagebücher und Schriften gelesen,
hatte meine Skripten und Bücher durchgeblättert
auf der Suche nach versteckten Anmerkungen,
hatte geduldig
meine Laden und Schränke durchsucht
und aufmerksam
an Wänden, Fenstern und Türen
nach Spuren und Zeichen geforscht.

Sie hatte auf meinem Bett geschlafen,
meine Jeans,
meine Wollhemden getragen,
meine Kekse gegessen,
und sie hatte alle meine Bänder,
Platten und Kassetten gehört,
meine Fotoalben und meine Dias durchgesehen.
Auch meine Briefe hatte sie gelesen. Alle.

Jeden Abend
hatte sie meine Kerze angezündet
und gebetet: Lieber Gott,
bei meiner schweren Arbeit steh mir bei.
Am Ende behauptete sie,
mich zu verstehen.

Ich aber suchte entschlossen
weiter allein
meinen Weg durch die Dickichte.

(24.2.78)
Fast ein halbes Jahrhundert hat dieser Text auf dem Buckel. Damals wohnte ich noch im Elternhaus und stand zwischen Diplomarbeit und Dissertation. Meine Tochter, die ich damals noch nicht kannte, stand in ihrem dritten Lebensmonat. Mein Lebensweg nahm ein paar bedeutende Wendungen, und ich merkte es kaum.
Zwei-einhalb Monate später sollte ich ihr zum 1. Mal begegnen, und ihrer Mutter nahe kommen. Es sollte nicht gut gehen mit uns. Aber was heißt schon 'gut'? Gut für wen? Drei Kinder aus dieser Verbindung sagen heute noch "Papa" zu mir. Ich sollte mich nicht beklagen. Man kann es auch schlechter erwischen.
Ich frage mich, an wen ich beim Schreiben dieses Textes wohl dachte. Mir fällt dabei niemand Bestimmter ein, nur dass die Personalpronomen weiblich sind. Nur zwei Tage danach entstand der folgende Text:
Der Maßkrug

Mit der Liebe
ist das so eine Sache.
Du empfindest sie
hier und jetzt,
bist in Bewegung
tief in deinem Innern,
möchtest die Welt zurechtmachen
mit den Augen bloß.

Aber was geschieht?
Hört dich jemand singen?
Kannst du auch nur einen Maßkrug füllen
mit deinem Herzen?
Was wirst du sagen,
wenn sie alle kommen,
die du rufen möchtest?

Nein,
du kannst unmöglich rufen.
Du weißt, dass es nicht geht.
Nur der eine, den du meinst,
der hat den Maßkrug,
den es Sinn hätte, zu füllen.
Du aber,
du hast ihn nicht.

Du schließt deine Bücher
am Abend
und machst das Licht aus.
Du gehst zu Bett
und schaust noch lange
suchend
in die Finsternis.

(26.2.78)
Ich hatte schon vergessen, dass diese beiden Texte so knapp einander folgen. Aber ich weiß noch, dass hier mit 'der eine, den du meinst' schon die spätere Mutter meiner Kinder gemeint war. Heute ist sie mir so fern, wie ein Mensch der noch am Leben ist nur fern sein kann.
So manches Dickicht
habe ich durchquert
in all den Jahren,
und in so manche
Finsternis geschaut.
Und übte immer beides:
das Schreiben
und die Wissenschaft.
Und immer noch
beschäftigt mich die Frage:
tu ich es nur
für mich allein?
Wird es einmal
jemand wissen wollen?
(7. 9. 26)                                      /\