Sprechstunde |
| "Wie ist es denn passiert?" "Wie ist was passiert?" "Na das!" Wir saßen in einem Wartezimmer. Die Dame mittleren Alters mit dem blassen Gesicht deutete mir zwischen die Augen. "Ich weiß es nicht. Das ist ja das Dumme." "Sie haben gar nichts bemerkt?" "Nichts. Es ist einfach passiert." "Sie Glückspilz." "Hatten Sie weniger Glück?" Es war ihr außer der Blässe nichts anzumerken. Sie schwieg. Die Polstertür zur Ordination öffnete sich. Die Schnalle war gedrückt, doch keine Hand lag auf ihr. Sie hob sich wieder, und die Tür kam halb offen zum Stillstand. Wir hörten keine Schritte, und wir spürten keinen Hauch. |
| "Der Nächste, bitte." Damit war
sie gemeint. Sie erhob sich und wandte sich zum Gehen. "Alles Gute",
wünschte sie mir. Ich bedankte mich und wünschte auch ihr alles Gute.
Dann ging sie durch die Tür und schloss sie hinter sich. Somit war ich
als Letzter zurückgeblieben. Ich schaute wieder in meine Zeitung, doch
dort wo bis vor Kurzem noch Artikel unter dicken Überschriften
gestanden hatten, stand jetzt nichts mehr. Die Seiten waren leer. Mit
einem Seufzer legte ich die Zeitung weg. Was blieb außerdem jetzt noch
zu tun? Ich stand auf und vertrat mir die Beine. Die beiden Fenster
standen unter vollem Tageslicht. Die Scheiben waren aus Milchglas.
Gegenüber der Ordination war die Tür, durch die ich eingetreten war.
Sie stand offen. Auf dem Gang fand ich weitere Fenster mit Milchglas
vor. Kurz vor der massiven Eingangstür gab es das Fensterchen der
Sprechstundenhilfe. Ich zögerte. Was hätten wir beide zu dieser Stunde besprechen sollen? Mir fiel nichts ein. |
| WC sah ich keines, verspürte
aber auch kein Verlangen nach einem solchen. Im Wartezimmer war alles
unverändert. Auch meine leere Zeitung lag noch da. Ich setzte mich
wieder auf meinen Platz und behielt die Türschnalle im Blick. Ein
Geräusch ließ mich aufhorchen. Es war die Eingangstür. Ich vernahm
gedämpfte Stimmen. Ein weißhaariger Herr meines Alters trat ein und
grüßte. Ich grüßte zurück. Seltsamer Weise trug er nur Unterwäsche. Er
setzte sich und warf einen interessierten Blick auf die leere Zeitung
auf dem Stuhl zwischen uns. "Darf ich?" Ich hatte nichts dagegen. Zu meiner Verwunderung schien ihm nichts aufzufallen. Fast hätte ich mich zu ihm gebeugt, um mich zu vergewissern ... Aber ich wollte nicht unhöflich sein. |
| Die Schnalle an der Polstertür
bewegte sich nach unten. Die Tür öffnete sich. Die Schnalle kehrte in
ihre Ausgangsstellung zurück. Die Tür blieb halb offen stehen. Niemand
war zu sehen. "Der Nächste, bitte." Das war ich. Ich erhob mich. Bevor ich ging, wandte ich mich zu dem alten Mann mit meiner Zeitung und wünschte ihm alles Gute. Er bedankte sich und wünschte auch mir alles Gute. Dann ging ich durch die Tür und schloss sie hinter mir. |
| (13. 10. 26) /\ |